Lassen Sie sich die Geschichte der Rosensteins erzählen:
Die Großeltern Sara und Bermann Rosenstein kamen mit ihrem Sohn Max Rosenstein und dessen Frau Grete Rosenstein, geb. Rubens, aus Wolfhagen nach Warburg.
In Wolfhagen lebten sie in der Burgstraße 23.
Max Rosenstein wurde am 14. 2. 1906 in Wolfhagen geboren, seine Frau Grete wurde am 23. 6. 1904 in Erkelenz geboren.
Max und Grete Rosenstein hatten in Wolfhagen vier Kinder:
Horst Rosenstein, geboren am 8. 4. 1931,
Erich Rosenstein, geboren am 31. 5. 1932,
Alfred Rosenstein, geboren am 3. 4. 1935
Herbert Rosenstein, geboren am 21. 5. 1937
Bereits 1933 wurden sie in Wolfhagen zur Zielscheibe von Antisemitismus. Max musste sich auf einen Ochsen setzen. Er wurde vor aller Augen durch die Stadt getrieben. Dabei musste er Spottverse zitieren.
Die Rosensteins verließen Wolfhagen und ließen sich in der Warburger Altstadt in der Josef-Kohlschein-Str. 30, nieder. Hier wurde am 31. 5. 1941 ihr fünfter Sohn Deny Rosenstein geboren.
Vor der ersten Deportation jüdischer Mitbürger aus Warburg nach Riga am 13. 12. 1941 wurde die Familie
am 6. 9. 1941, mit den beiden jüngsten Kindern Herbert (Jg.1937) und Deny (Jg. 1941) nach Paderborn in
die Sudetendeutsche Straße 3 umquartiert. Diese Straße wurde im August 1945 in Leostraße umbenannt. Hier
war das ehemalige Jüdische Waisenhaus der Stadt,
(heute Ecke Leostraße - Husener Straße), wo die zwei ältesten Söhne Erich und Horst bereits seit 1939
und ihr Bruder Alfred seit 1940 von der Familie getrennt untergebracht worden waren.
Die Familie wurde am 6. 9. 1941 in diesem Waisenhaus wieder zusammengeführt.
Das Waisenhaus wurde 1942 geräumt.
Es wurde von der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ übernommen und im Dezember 1944 durch einen
Bombenangriff zerstört.
Heute wird das Grundstück von der benachbarten Blindenanstalt genutzt. Seit 1990 gibt es eine Gedenkstele an das Jüdische Waisenhaus und seine Bewohner, die von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit errichtet wurde.
Von diesem ehemaligen jüdischen Waisenhaus aus wurden die Rosensteins als gesamte Familie am 30. 6. 1942
in die ehemalige jüdische Gartenbaufachschule Ahlem bei Hannover überwiesen. Die Nazis nutzten die
Gebäude dieser Gartenbaufachschule als Sammelstelle für Menschen, die für Deportationen vorgesehen
waren.
Von dort wurden die Rosensteins noch einmal umquartiert. Am 30. 1. 1943 wurden sie nach Bielefeld in
das sogenannte Judenhaus in der Steinstraße 7 verlegt.
Auch dieses Haus wurde von den Nazis als Sammelstelle für anstehende Deportationen genutzt.
Die Gestapo-Außendienststelle Bielefeld stand unter der Leitung von Wilhelm Pützer (1893-1945), dem Leiter des sogenannten Judenreferats. Er organisierte alle Deportationen im östlichen Westfalen.
Er gab am 27. Februar 1943 den Befehl, dass eine vorher festgelegte Anzahl Juden aus dem Bezirk der
Gestapo-Außendienststelle bis zum 1. März 1943 bis spätestens 13.00 Uhr im Saal des Vereinshauses
Eintracht in Bielefeld eintreffen musste. Dieses Gebäude diente mit seinem großen Saal als Sammelstelle direkt vor
der Deportation in die Konzentrationslager.
Die Menschen, die in diesem Vereinshaus bis zum 1. 3. 1943 gesammelt wurden, waren für den Transport in
das Vernichtungslager Auschwitz vorgesehen.
Daniel Hoffmann beschreibt in seinem Buch „Lebensspuren meines Vaters – Eine Rekonstruktion aus dem Holocaust“ (Göttingen 2007), dass sich sein Vater Paul und dessen Verlobte die Garderobe des Vereinslokals mit einer Familie aus Warburg, Max und Grete Rosenstein und ihren fünf Söhnen im Alter von eineinhalb bis elf Jahren teilten.
Alle Juden mussten vor ihrer Abfahrt die folgende Prozedur über sich ergehen lassen: Sie wurden einzeln aufgerufen und als als Reichsfeinde tituliert. Ihr Vermögen wurde zu Gunsten des Deutschen Reichs eingezogen, Bargeld und Schmuck mussten abgegeben werden. Nur die Eheringe durften sie behalten. Für den Transport in den Güterwaggons der Reichsbahn musste jede teilnehmende Person 50 Reichsmark zahlen. Dieses Geld stellte eine Einnahmequelle für die die Deportationszüge begleitenden Gestapomitglieder dar. Deshalb führten sie die Deportationslisten akribisch.
Am 3. März 1943 kamen die Rosensteins in Auschwitz an. Die Türen der Güterwaggons wurden geöffnet, das Gepäck musste im Waggon zurückgelassen werden. Männer wurden von Frauen und Kindern getrennt. Max Rosenstein hielt seinen kleinen Sohn Deny auf dem Arm. Seine Frau Grete kümmerte sich um die anderen vier Kinder.
Als ein SS-Mann ihn mit dem Kleinkind auf dem Arm entdeckte, entriss er Max das Kind und schlug es mit
dem Kopf an einen Masten. Andere Häftlinge hielten den verzweifelten Max, der sich auf den SS-Mann
stürzen wollte, gewaltsam zurück.
Grete Rosenstein und die vier Söhne wurden noch am Tag ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet. Die
Großeltern Rosenstein waren von Warburg aus 1942 nach Theresienstadt deportiert worden. Dann wurden sie
nach Auschwitz überstellt. Dort wurden sie 1944 ermordet.
Max Rosenstein überlebte die Shoa.
Er kehrte nach Kriegsende nach Warburg zurück und gründete eine neue Familie. Seine Nachfahren leben
heute in unserer Stadt.